← Zurück zum Blog
VermontRückblick

Mein erstes Jahr in Vermont

Ein Jahr nach dem Umzug in die USA – was ich gelernt habe, wo es hakte, und warum ich die Zeit trotzdem nicht missen möchte.

Vor über einem Jahr bin ich nach Vermont gezogen, um als Student-Athlet an der UVM Skilanglauf und Studium zu kombinieren. Zeit für einen ehrlichen Rückblick.

Der Sprung ins kalte Wasser

Als ich hier ankam, kannte ich niemanden. Keine Trainingsgruppe, keine Freunde, kein Gefühl dafür, wie der Alltag hier wirklich läuft. Eine Mischung aus Vorfreude und, ehrlich gesagt, auch Unsicherheit – ich wusste einfach nicht, worauf ich mich genau einlasse.

Trainingstechnisch ging es überraschend schnell: Ich bin schnell in die Trainingsgruppe reingewachsen und war richtig überrascht, wie hoch das Niveau im College ist – sowohl im Training als auch in den Rennen. Auch an der Uni war alles machbar, eigentlich sogar ziemlich easy – auf Englisch zu studieren hat sich schneller eingespielt, als ich dachte. Was ich trotzdem unterschätzt hatte: wie anders selbst alltägliche Gespräche klingen, wenn Englisch nicht deine Muttersprache ist. Aber dann fällt einem auch auf, dass man selbst im Deutschen viele Fachbegriffe im Alltag gar nicht benutzt – insofern war das eher eine Frage der Gewöhnung als ein echtes Problem.

Was wirklich zieht

Die größte Umstellung war nicht das Training, sondern der mentale Verbrauch. Ein Uni-Alltag zieht hier spürbar mehr als eine normale Arbeitswoche, wie ich sie aus Deutschland kannte – und dazu kommt, alles in einem komplett neuen Land neu aufzubauen. Man weiß am Anfang einfach nicht, wo man einkaufen geht, kennt die Läden nicht, und jede alltägliche Entscheidung muss deutlich bewusster getroffen werden. Man muss sich Gedanken machen und Dinge suchen, während man zu Hause einfach stumpf seinen gewohnten Wegen hinterherläuft. Das frisst mentale Kapazität, die man vorher woanders eingeplant hatte.

Tiefpunkte, die ich nicht verschweigen will

Die ersten Wochen liefen richtig gut. Ich dachte, ich könnte weiter so trainieren und noch einen draufsetzen – was auch gut funktionierte. Dazu kam das US-College-Leben: Ab und zu mit der Gruppe feiern zu gehen, gehört hier einfach dazu – aber es kann einen auch mal rausnehmen, wenn man’s nicht im Griff hat.

Ein Moment ist mir besonders im Kopf geblieben: Halloween. Die ganze Gruppe war super motiviert, Kostüme vorbereitet, noch mal richtig feiern, bevor die finale Wintervorbereitung losgeht. Typisches Herbstwetter – regnerisch, kühl. Am nächsten Morgen stand ein Intervalltraining an, und außer mir und Tabor waren schon alle krank. Zwei Tage später ich auch, zwei Wochen fielen komplett weg. In der Saison steckte dann einfach leicht der Wurm drin: Ich konnte meine Leistung ab und an gut abrufen, war durch ein paar Krankheiten im Endeffekt aber nicht ganz glücklich mit den Ergebnissen – und habe für dieses Jahr definitiv noch eine offene Rechnung, was sicherlich auch gut ist.

Im Rückblick: nicht dramatisch, aber prägend. Ich habe in diesem Jahr sehr konkret gelernt, wo meine Grenze liegt und wie mein Körper auf Situationen reagiert, in denen ich vorher nie war – auf einem anderen Kontinent, unter neuen Bedingungen, ohne das gewohnte Umfeld im Rücken.

Was bleibt

Trotz allem: Das war ein Jahr, das mich spürbar stärker gemacht hat – sportlich wie mental. Die Zeit mit der Gruppe hier ist auf jeden Fall richtig spaßig, sowohl im Training als auch bei allem, was so drumherum passiert – auch wenn man an der Uni ab und zu die Zähne zusammenbeißen muss. Aber Lehrjahre sind halt keine Herrenjahre, und genau diese Mischung möchte ich nicht missen.